Hier können wir Euch einen interessanten Bericht zur Entstehung der Schützenbruderschaften präsentieren. Wenn einer der werten Leser weitere Hintergründe oder Informationen zu diesem Thema hat wären wir um eine entsprechende Info sehr dankbar. webmaster@sanktrochus.de

Die Entstehung der Schützen-Bruderschaften von Kaplan Becker, Düsseldorf-Hamm

Kürzlich wurde in einem Kreis junger Menschen gefragt, warum die Schützengesellschaften z. T. Bruderschaften hießen und einen Heiligen als Schutzpatron hätten und wann diese Schützengesellschaften entstanden seien.

Beginnen wir mit der letzten Frage: Wie kam es zu den Schützengesellschaften? "Das Aufkommen der Schützenverbände steht in engster Verbindung mit der Organisation des mittelalterlichen Heerwesens." In den mittelalterlichen Heeren stellten Bürger- und Bauernstand die Fußtruppen, die anfangs nur geringe Bedeutung gegenüber der Hauptmacht der Ritter besaßen. In späteren Jahrhunderten steigerte sich der Wert dieser Fußtruppen, deren Eingreifen oft die Schlacht entschied. So führten die starken Verbände der Fußtruppen, die die Kölner Bürger und die bergischen Bauern stellten, in der Schlacht bei Worringen
(5. 6. 1288) den Sieg des Herzogs von Brabant über das Ritterheer des Kölner Erzbischofs Siegfried von Westerburg herbei. Größere Bedeutung als in der Feldschlacht besaßen die Fußtruppen bei der Verteidigung der Städte, die dafür sorgten, daß die Bürgerschaft die erforderlichen Waffen besaß und handhaben konnte. Eine gleichmäßige Bewaffnung gab es nicht. Die Bürger waren zum Teil mit Handfeuerwaffen (",Feuerrohr"), Armbrüsten, Helebarden oder Spießen ausgerüstet. "Der Kern der Bürgerwehr war ohne Zweifel immer die mit einer Schußwaffe ausgerüstete Bürgerschaft." Diese Armbrust-. und Büchsenschützen, die sich als starke Truppe von der weniger gut bewaffneten Bürgermiliz abhoben, hatten auch größere Pflichten.
Die unerläßlichen Übungen mit der Schußwaffe führten zur der militärischen Organisation der Städte. "Es entstanden in sich geschlossene Schützenvereinigungen, die neben der Erziehung Waffenhandwerk auch noch geselligen Verkehr und in Verbindung mit kirchlichen Bruderschaften karitative und religiöse Ziele verfolgten. Der Zusammenschluß der Schützen zu Geschlossenen Gesellschaften vollzog sich wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts." Vorbild dieser Organisation waren die gewerblichen Zünfte der Städte, deren Statuten oft für die Wahl der Vorstände, die Zusammenkünfte und die kirchlichen Angelegenheiten Vorlage für die eigenen Statuten der Schützengesellschaften wurden. Ihre Zusammenkünfte hielten sie entweder im eigenen Schützenhaus ab oder, beim Fehlen eines eigenen Hauses, in einem größeren Saal des Ortes.

Die Städte waren oft in mehrere militärische Bezirke aufgeteilt. Die Schützen dieser Bezirke schlossen sich zu besonderen Gesellschaften zusammen. So bestanden in den Städten oft mehrere Schützengilden, deren Mitglieder vermutlich eine einheitliche Tracht hatten und an ihren Hüten Abzeichen trugen, wodurch sich die einzelnen Gesellschaften voneinander unterschieden.

"An Sonn- und Festtagen der guten Jahreszeit versammelten sich die Schützen regelmäßig auf der Schießbahn, um sich im Waffengebrauch zu schulen." Der Verkehr auf diesen Schießbahnen war durch eine ausführliche Ordnung geregelt. Der Höhepunkt dieser Übungen war das alljährliche Königsschießen das den besten Schützen der Gesellschaft ermitteln sollte. "Ein Umzug der Schützen und ein feierlicher Gottesdienst leitete den Festtag ein. Nach dem Kirchgang zog die Gesellschaft mit fliegenden Fahnen zur Vogelwiese", wo eine starke und hohe Stange aufgestellt war, deren Spitze ein Holzvogel krönte. "Wirtschaftszelte, Kram-, Schau- und Spielbuden gaben den Schützen, den Gästen und zahlreichen Schaulustigen Gelegenheit, sich bei Wein und Spiel zu zerstreuen. Den Höhepunkt des Festes bildete das Abschießen des Königsvogels. Der glückliche Schütze wurde zum König erklärt und trug von der Stunde an als Abzeichen seiner Würde die silberne Bruderschaftskette. Zu den besonderen Verpflichtungen des Königs gehörte die Veranstaltung eines Mahles. Hierfür erhielt er den mit dem Vogelschuß verbundenen Geldpreis, der wohl in den seltensten Fällen zur Deckung der Unkosten des Königsmahles gereicht haben dürfte." Diese Waffenspiele dienten ursprünglich der militärischen Schulung der Schützen. Die Blütezeit des Schützenwesens fällt in das 15. und 16. Jahrhundert.

Wie kamen die Schützen dazu, sich "Bruderschaft" zu nennen und sich einen Heiligen zum Schutzpatron zu wählen? Schon im frühen Mittelalter gab es Bruderschaften, deren Aufgabe es war, die Mitglieder zu einem christlichen Leben zu erziehen. Sie forderte von ihnen Gebetsübungen, Almosengeben, Opfer und Spenden für den Gottesdienst, Sorge für das christliche Begräbnis der "Brüder und Schwestern", Gebete für die Seelenruhe der Verstorbenen und andere Werke der christlichen Nächstenliebe. Bei der engen Verflochtenheit von Staat und Kirche, weltlichem und kirchlichem Leben waren die meisten Zünfte, Gilden und Gesellschaften mit einer Bruderschaft verbunden. Die Schützengesellschaften machten davon keine Ausnahme. So finden wir bei allen Statuten eine Aufzählung der kirchlichen Verpflichtungen, die die Mitglieder zu einem religiösen Leben anleiteten.

Der größte Teil der Einnahmen einer Bruderschaft diente zur Bestreitung des Gottesdienstes, der kirchlichen Feste und der Armenpflege. Man kaufte Meßgewänder, Altartücher, Kelche, Kerzen für den Gottesdienst. Wir hören immer wieder, daß sich die Schützengilden der bedürftigen Mitglieder angenommen haben, daß Lebensmittel unter die Armen verteilt und die Krankenpflege geübt wurden. Die Bruderschaftsangehörigen waren verpflichtet, die kirchlichen Veranstaltungen der Bruderschaft mitzumachen: die Feier des Sebastianustages, die Teilnahme an den Begräbnissen verstorbener Mitglieder und an den Prozessionen. Von allen Brüdern und Schwestern wird sittsames Betragen und Nachsicht gegen kleine Schwächen gefordert; Streitigkeiten sollen die Brüder "heymelichen unter sich“ schlichten. Weil die kirchlichen Bruderschaften - wie auch die verschiedenen Stände - unter dem Schutze eines Heiligen standen, so erkoren die Schützengesellschaften sich ebenfalls einen Heiligen als Patron: St. Sebastianus, St. Josef, St. Martin, St. Rochus u. a.

Als mit dem Aufkommen der Söldnerheere die Bedeutung der Bürgerwehren zurückging, verloren die Schützengesellschaften als militärische Organisation ihren Wert. Nur gesellschaftliches und religiöses Leben behielten ihre Bedeutung.

Die Zitate sind aus dem Werk von Ewald, Die rheinischen Schützengesellschaften, Düsseldorf 1933.